Der Pionier

Natur braucht seine Zeit: „Analysewerte schmecken nach nichts“

Dr. Matthias Corvers hat dem roten Riesling ein neues Zuhause gegeben

ck_rr_portrait_corversDas Weingut Corvers-Kauter zählt zu den Adressen, die versierte Rheingau-Besucher nicht erst nachschlagen müssen. Die Weinbautradition der beiden Familien Kauter aus Winkel und Corvers aus Rüdesheim lässt sich jeweils 250 Jahre zurückverfolgen. Seit sich beide Ende des letzten Jahrhundert zusammengetan haben, sorgen sich Brigitte Corvers-Kauter und Matthias Corvers von Oestrich-Winkel aus um das genüssliche Miteinander von anspruchsvollem Wein und regionalen Speisen. Beide haben das Weinhandwerk von der Pike auf gelernt. Im eigenen Betrieb betreiben sie allerdings Arbeitsteilung: kümmert sich Brigitte Corvers-Kauter zuallererst um die Küche, sorgt Matthias Corvers sich in Natur und Keller um den richtigen Ton beim Wein. Immer auf der Suche nach der besonderen Note war er es auch, der vor knapp zehn Jahren als erster Winzer nach vielen, vielen Jahren wieder den Roten Riesling anbaute. Wir unterhielten uns mit ihm über die Liebe zum Wein, die Wiederbelebung einer alten Sorte und deren Chancen im Glas.

Wie sind Sie auf den Roten Riesling gekommen?
Als Winzer in einer so exponierten Rieslingregion wie dem Rheingau sind sie immer am schauen, was sich verändern und vorantreiben lässt. So kam ich im Zusammenspiel mit den Rebenzuchtexperten von der Hochschule aus Geisenheim auf den Roten Riesling.

Wann war das?
Wir haben den Roten Riesling im Wirtschaftsjahr 2003/04 als erste angepflanzt. Für uns war das damals vor allem eine qualitative Frage: Kriegen wir mit einer anderen, intensiveren Säurestruktur mehr Intensität in den Riesling rein? So haben wir uns entschieden, einen Weinberg mit Rotem Riesling anzulegen.

Hat es sich gelohnt?
Ja, das hat gepasst. Die Nachbarlage „Lenchen“ ist gerade mal 300 bis 400 Meter entfernt, aber da merkt man schon einen Unterschied. Natürlich lassen sich auch auf anderem Wege Unterschiede betonen – etwa durch eine spätere Ernte oder natürlich im Keller. Aber allein die Rebe macht schon einen Unterschied.

Welchen?
Das Anforderungsprofil ist klar: Wir erwarten einfach noch einmal eine höhere Säure, ohne dass diese aggressiv ist. Denn die Säure gehört zum Riesling, eingebettet in höhere Mineralstoffe. Der Rote Riesling ist dabei die Urform, früher wurde diese uralte autochthone Rebsorte im gemischten Satz angebaut. Sie war mittlerweile fast ausgestorben, wir bieten ihr jetzt ein neues Zuhause.

ck_rr_04_klWie unterscheidet sich der Rote Riesling rein äußerlich von seinem so erfolgreichen Bruder?
Zunächst kaum. Erst ab ca. 40 Grad Oechsle verfärbt sich die Beerenschale der Sorte rot. Der Saft aber ist weiß und liefert ein vitales Fruchtsäurespiel, oft verbunden mit Anklängen von Stachelbeeren, grünen Äpfeln und manchmal auch Mirabellen. Im ersten Jahr brachte der Weinberg nur ein paar Träubchen hervor, 2006 war die erste Ernte dann eine Auslese, mit knapp 100 Gramm Restsüße bei totaler Reife. Der schmeckt heute immer noch, passt gut zu vollreifem Käse und kann noch zehn Jahre liegen.

Und der Ertrag?
Begonnen haben wir mit 300, 400 Flaschen, mittlerweile ist der Weinberg für weit mehr als 2000 Flaschen Roten Riesling gut.

Der aktuell wie ausfällt?
Der Jahrgang 2012 ist gut trocken und säurebetont. Die Farbe ist so wie ein Riesling sein muss, er hat eine feine Frucht, riecht, als ob er Säure haben könnte, ohne, dass er sauer riecht. Da sind zarte Pfirsichkomponenten, aber weniger dicke gelbe Früchte wie Aprikose oder Mango. Er ist keine satte Spät- oder Auslese, Ob das jetzt als Qualitätswein, Kabinett oder leichte Spätlese deklariert wird, ist für mich nicht so wichtig, in dieser Geschmackswelt fühlt sich der Rote Riesling aber am wohlsten.

Sie arbeiten ohne klare Qualitätszuordnung?
Geschmackstypizität ist für mich wichtiger als die Qualitätsstufe – beim Roten Riesling allemal. Das Produkt, das im Glas steht, ist entscheidend. Der Wein bietet eine feine Aromatik, hohe Intensität durch Säure, die dann auch die Frische hält.

Akzeptiert das der Kunde?
In der überwiegenden Mehrzahl ja. Weil es ehrlich ist. Der Riesling insgesamt lebt von seiner Säure, die aber keine kratzige grüne Säure sein soll, sondern eine schöne, reife. Das braucht halt die nötige Reife. Der Riesling gewinnt dadurch, dass er spät reif wird, und dann auch in einer eher kühlen Zeit. Der September mit Temperaturen von 20 Grad und mehr bringt natürlich Aroma, aber wenn es bei diesen Temperaturen dann Regen gibt, wird es gefährlich, weil sich schnell Fäule bildet. In einem Oktober mit vielleicht nur 12 oder 14 Grad und Nachttemperaturen kurz über dem Gefrierpunkt sieht das schon anders aus. Das Licht allein langt in einem kalten Oktober schon noch für einen gewissen zusätzlichen Reifegrad. Bei langer Reife bekommt der Wein Natur ab und dadurch einen ganz anderen Geschmack. Natur braucht seine Zeit.

Der Volksmund sagt aber auch: Zeit ist Geld. Wie vertragen sich Winzer und Kaufmann in Ihnen?
Immer mehr Winzer besinnen sich wieder auf das Zusammenspiel der Natur. Denn die Analytik ist nicht alles. Außerdem schmecken Analysewerte nach nichts. Mostgewicht und Säure können ok sein, aber geschmacklich kann die Reife dennoch noch nicht optimal sein. Einige Tage mehr bringen hier vielleicht keine besseren Werte, aber deutlich mehr Geschmack und Aromen. Das braucht Erfahrung, macht dann aber auch den Charakter aus. Und das weiß der Kunde zu schätzen.

Braucht es für diese Philosophie eine Promotion, Sie sind ja einer der weniger Doktoren des Weinbaus?
(lacht)… Wohl eher nicht. Das war so zunächst auch gar nicht geplant. Ich bin ja in einem Winzerhaushalt groß geworden und war schon während der Schulzeit vom Wein fasziniert. Das Verhältnis von angewandter Naturwissenschaft und Natur, das war mein Ding damals. Da gab es zwei große Spektren, die mich interessierten, der Wald und der Weinbau.

Wie kam es, dass der Weinbau die Oberhand gewann?
Das war damals noch gar nicht ausgemacht. Denn vor dem Hintergrund meiner Interessen habe ich Agrarwissenschaften studiert, ich komme also nicht direkt aus dem Weinbau. An der Uni in Gießen habe ich mich schnell auf Obst, Wein, Gemüse und Agrartechnik spezialisiert, denn das war natürlich auch eine Schnittstelle zum Weinbau. Die Diplomarbeit habe ich dann von Gießen aus schon in Geisenheim geschrieben über die Technik im Pflanzenschutz. Dazu habe ich mich an der Uni auch um interessante Randfelder gekümmert, wie Haushalts- und Ernährungswissenschaften oder Nacherntebehandlung, die mit Weinbau allein nichts zu tun gehabt haben, aber das ganze Umfeld mit ausleuchten. Mein Interesse galt immer einer übergeordneten Sichtweise, die ganze Nahrungskette, wenn Sie so wollen. Das half mir sicher auch, den Slow-Food-Gedanken etwas schneller zu realisieren.

Nach dem Studium ging es dann aber in den Weinbau?
Nein, immer noch nicht. Ich bin dann erst in die Landmaschinenbranche gegangen, das heißt eigentlich in den Vertrieb, habe dort mit Landmaschinen und Traktoren zu tun gehabt. Dann entschied ich mich aber doch recht bald, mehr in den Weinbau einzusteigen, indem ich meine Doktorarbeit angegangen bin. Damit habe ich eine gefühlte Wissenslücke geschlossen und über den Einfluss der Bewirtschaftungssysteme auf Boden, Erntemenge, die Qualität der Traube bis hin zum Wein promoviert, also damals schon begonnen, mich mit dem Thema ökologischer Weinbau zu beschäftigen.

Wann sind Sie zu Slow Food gekommen?
Emotional waren meine Frau und ich von Anfang an Slow Food-Fans. Nachdem wir 1996 geheiratet und den gemeinsamen Betrieb in Oestrich-Winkel aufgebaut haben, sind wir dann aber erst 2006 oder ´07 Mitglied geworden.

Was haben der Rote Riesling und Slow Food gemeinsam?
Sie passen wunderbar zusammen! Mit unserem Versuch, den Roten Riesling in die Arche des Geschmacks aufzunehmen und ihm damit eine besondere Rolle als beschützens- und bewahrenswerte Rebsorte zuzuweisen, geben wir ihr ein Stück jener Bedeutung zurück, die sie über viele Jahre völlig zu unrecht verloren hatte. Es ist die autochthone Art, es ist der Verwandtschaftskreis, der den Roten Riesling so gut in eine Rieslinggegend wie die unsere passen lässt. Für eine andere Region ist er wahrscheinlich gar nicht so interessant. Der Rote Riesling wird nach meiner Meinung nie eine Modesorte. Wenn er sich mal bei 25 Hektar Anbaufläche einpendelt, dann dürfte das schon sehr ordentlich sein. Das hilft, ihn am Markt in einer ausreichenden Menge verfügbar zu haben – und wir erhalten auf diese Weise auch noch eine Genreserve in der Praxis draußen im Weinberg. Eine perfekte Kombination.

Fotonachweis: Kopfbild © Daniel Vorndran / DXR [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons »

Fotos: Dr. Corvers