Geisenheim Connection

„Winzer bauen Wein nicht aus historischen Gründen an“

Hubert Konrad hat den Roten Riesling vor dem Vergessen bewahrt

Hubert_KonradMit einem Anteil von rund 80 Prozent ist der Riesling zweifellos die beherrschende Rebsorte im Rheingau. Der Rote Riesling ist jedoch selbst in dieser Region kaum im Bewusstsein der Menschen verankert. Dabei geht die Wissenschaft davon aus, dass die dunkle Beerenfarbe die ursprüngliche war und das Farb-Gen durch Mutation ausgeschaltet wurde. Kurz: Der Rote Riesling gilt als die Urform des Rieslings. 1991 begann das Fachgebiet Rebenzüchtung der Hochschule Geisenheim durch Erhaltungszüchtung des Roten Rieslings die genetischen Wurzeln des Riesling insgesamt zu verbreitern. Dipl.-Ing. Hubert Konrad war damals maßgeblich beteiligt und gilt mit seiner langjährigen Erfahrung seither als der Experte für Roten Riesling.

Das Navigationsgerät führt einen verlässlich in den Eibinger Weg nach Geisenheim. Vielleicht wäre man ohne den elektronischen Helfer etwas zögerlicher in die unscheinbare Seitenstraße abgebogen, um die Bahnlinie zu unterqueren und der immer weniger befestigten Straße Richtung Niemandsland zu folgen. Andererseits liegt es ja auf der Hand, dass das Institut Rebenzüchtung und -veredelung der Hochschule Geisenheim inmitten der Weinberge liegt. Wir sind hier verabredet. Mit Hubert Konrad, der den ganzen technischen Bereich des Instituts unter seinen Händen hat, verantwortlich für den Pflanzgutaufbau der Sorte ist und damit eine echte Kapazität in Sachen Roter Riesling.

Hubert Konrad stammt aus Gutedel-Land, wie er selbst sagt. Der gebürtige Markgräfler hat in Freiburg Winzer gelernt und anschließend in Geisenheim studiert. Er zählte zum ersten Jahrgang, der das Weinbau-Studium als Diplom-Ingenieur abschloss, was damals noch so neu war, dass es nicht einmal die richtigen Urkunden-Vordrucke für die Absolventen gab. Nicht die erste und nicht die letzte Gelegenheit, bei der sich die Administration nicht unbedingt auf der Höhe der Zeit zeigte…

Wann sind Sie auf den Roten Riesling gekommen?
Der Rote Riesling hat hier weitgehend unbeachtet überlebt, schon zu meiner Studienzeit ist er mir aufgefallen. Wir sind damals um die wenigen Stöcke geschlichen und fanden das interessant, haben uns gefragt, ob es den noch in freier Wildbahn gibt. Wir haben zwar erkannt, dass das etwas Besonderes ist, aber so recht etwas damit anfangen konnten wir mit dieser exotischen Sorte nicht.

Mit dem Diplom in der Tasche verließ Konrad den Rheingau wieder in Richtung alte Heimat. 1978 begann er in Freiburg im Breisgau seine berufliche Laufbahn in der Weinbauadministration. Zehn Jahre später kehrte er zurück. Ein Angebot des alten Fachbereichs war so verlockend, dass er in das Stammland des Rieslings zurückkam. Wo er sich zugleich um den Orleans kümmerte…

Gelber Orleans, Roter Riesling, was treibt Sie an, sich alter Außenseiter anzunehmen?
Wenn ich mich nicht für den Weinbau entschieden hätte, wäre ich wohl Historiker geworden, das hat mich schon von klein auf interessiert. Und der Orleans ist ja auch eine sehr alte Rebsorte, die gerade im Rheingau eine lange Tradition hat. Vermutlich waren es die Zisterzienser des Klosters Eberbach, die den Orleans im 12. Jahrhundert erstmals im Rheingau pflanzten. Als wir dann 1991 einen neuen Chef im Institut bekamen, habe ich dem vorgeschlagen, auch mal etwas mit dem Roten Riesling zu machen.

War er Ihren Ideen gegenüber aufgeschlossen?
Das war er. Wir haben dann 20 Stock gepflanzt, was für uns schon relativ viel ist und für den Weinausbau langt. Hier am Institut betreiben wir in unserem Versuchskeller ja eine Mikrovinifikation, das heißt wir produzieren hier Wein bereits ab einer Menge von zehn Litern. 1992/93 haben wir angefangen und 1996 den ersten Roten Riesling geerntet und ausgebaut. Die Reaktion war einhellig: Der ist gar nicht so übel, da können wir noch mehr draus machen.

Was ist daraus geworden?
Wir haben vier Stock ausgelesen und getrennt vermehrt, das gab dann insgesamt 48 Stöcke und für die Leistungsdatenerfassung hatten wir damit vier Klone zur Verfügung. Das zweite und das dritte Jahr des Ausbaus waren auch nicht schlecht, so dass wir unsere Arbeit diversen Winzern präsentierten. Einige waren durchaus interessiert, dann aber doch vom hohen bürokratischen Aufwand bei der Anpflanzung abgeschreckt.

Weinrecht ist nicht nur eine komplexe Materie, sondern auch eine für die Befassung mit Wein wenig anregende und trockene Angelegenheit. Die erste den Wein betreffende Regelung geht auf das Jahr 92 n. Chr. zurück. Damals verbot der römische Kaiser Domitian, Rebstöcke in den Provinzen außerhalb Italiens anzubauen. Zu unserem Glück blieb es nicht bei dieser Regelung. Dafür sind die Vorschriften seit den Tagen der Europäischen Union nicht eben überschaubarer geworden. Für den Roten Riesling hieß das: Diese Sorte war nicht zugelassen, stand nicht in den Sortenlisten der EU, auch nicht in der nationalen oder in der des Rheingau. Ein Anbau war also gar nicht möglich, außer, wie in Geisenheim, aus erhaltungszüchterischen Gründen.

Was also tun, um den Roten Riesling voranzubringen?
Wir haben ein wenig mit den Behörden verhandelt. Der Weinbauverband meinte, das könnte ja eine Ergänzung zum Riesling ein, der ist ja eine alte Sorte. Der Rebsortenprüfungsausschuss, den es damals noch gab, hat dann befürwortet, dass in Hessen, also im Rheingau und an der Hessischen Bergstraße, diese Sorte klassifiziert und zum Anbau freigegeben wird. Wir haben uns hier in Geisenheim dann auch etwas intensiver mit der Geschichte befasst, ein wenig Literatur dazu verfasst und Vorträge zum Thema gehalten.

Das hat geholfen?
Oh ja, dann sind die ersten Winzer angesprungen, zuerst Corvers-Kauter, der 2004 erstmals mit unserem Pflanzgut gearbeitet hat, später die Heppenheimer Winzergenossenschaft, dann Allendorf und weitere Winzer.

Was hat die Winzer für den Roten Riesling eingenommen?
Ein Winzer baut seinen Wein nicht aus historischen Gründen an, sondern weil er Wein verkaufen will. Das ist nur normal und deshalb wird der Weiße Riesling auch immer „der“ Riesling bleiben. Aber hier im Rheingau ist der Riesling so beherrschend, dass es einige Erzeuger spannend fanden, sich mit einer Spielart dieser Sorte zu befassen. Und der Winzer hat ja auch viele Möglichkeiten, mit dem Roten Riesling zu arbeiten. Bei dem Wein kann man mit der Farbe spielen, je nachdem, wie man die Trauben keltert. Wer den Roten genauso wie den Weißen Riesling ausbaut, bekommt einen kräftigen und stoffigen Wein. Analytisch ist ein um 2 bis 3 g/l höherer zuckerfreier Extrakt nachweisbar. Aussehen tut er aber genauso wie der Weiße Riesling. Bei einer Maischestandzeit von 12 bis 24 Stunden gibt es aber schon eine gelb-rötliche Tönung, mit Maischeerhitzung ist sogar ein Rosé möglich.

Circa 16 Hektar beträgt die Anbaufläche von Rotem Riesling in Hessen – von insgesamt gut 3000 Hektar. Das zeigt, welch kleine Nische diese Sorte aktuell besetzt. Hubert Konrad ist skeptisch, dass sich das je nennenswert ändern wird. Ein Gedanke, der ihn aber auch nicht wirklich quält. Dafür spielt der Riesling insgesamt eine viel zu wichtige Rolle. Konrad ist sicher, dass der Riesling wie sein Geschwister Elbling irgendwo im Oberrheingebiet entstanden war, wo es Wildreben gab. Denn Wildreben sind im Erbgut des Rieslings nachweisbar, ebenso der Rote Traminer und der Heunisch, die dominierende Rebsorte des Mittelalters. Damals gab es wahrscheinlich gar nicht so viele Sorten, im Wesentlichen Heunisch und Traminer mit einigen Spielarten. Die Rebsortennamen entstanden erst im 15. Jahrhundert, weiß der historisch interessierte Weinexperte, da war der Riesling aber schon dabei. Letztlich sei der Riesling also eine autochthone deutsche Sorte, bei aller Vorsicht mit solchen Etiketten, denn „Deutschland“ gab es damals ja noch gar nicht…

Gibt es denn Hinweise, wie sich Roter und Weißer Riesling entwickelt haben?
Meine These dazu lautet, dass der Rote Riesling wohl durch natürliche Hybridisation entstanden ist. Irgendwann mutierte die Beerenfarbe von rot zu weiß. Das geschah mehr als einmal. Da die Reben vegetativ über Steckholz vermehrt wurden, stieg auch der Anteil der weißen Mutanten. Warum der Rote Riesling dann verschwunden ist, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Vielleicht weil der Weiße größere Trauben hat, aber das ist nur eine Vermutung.

Sind Sie als Züchter denn mit den Erfolgen Ihrer Arbeit zufrieden?
Unbedingt, denn die Gefahr des Vergessenwerdens ist zunächst gebannt, aktuell stehen ca. 120.000 Pflanzen für mindestens 30 Jahre im Weinberg. Und vielleicht hilft der Rote Riesling ja insgesamt, die deutsche Traditionssorte Riesling fit zu machen für die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, etwa die zunehmende Globalisierung des Weinmarktes und die Folgen der Klimaerwärmung.

Welche Rolle sehen Sie da bei den Winzern?
Die Betriebe bieten eigene Linien, bieten den Roten Riesling als Kabinett, Spätlese, Beerenauslese. Jeder versucht sich da zu positionieren. Das ist gut so, wir werden sehen, wo das hinführt, wie der Markt diese Versuche aufnimmt. Aber lassen Sie uns alle auf dem Boden bleiben: Winzer sind keine Genies, das sind gut ausgebildete Handwerker mit viel Erfahrung; im allerbesten Sinne des Wortes Genusshandwerker.

Was keiner weiteren Erklärung bedarf, schließlich ist Hubert Konrad zwar Wissenschaftler, aber seit 2009 auch Slow Food-Mitglied.

 

 

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