Das Symposium

Einmaliges historisches Erbe: Das I. Symposium Roter Riesling

In Geisenheim diskutieren Wissenschaftler, Winzer und Weinfreunde auf dem Symposium
am 24.Oktober 2014 über die Chancen dieser alten Rebsorte

Der Riesling ist mit rund 80 Prozent Anbaufläche nicht nur die beherrschende Rebsorte des Rheingaus, er steht auch für das nationale und internationale Renommee der Region. Kein Wunder, dass der Rheingau beim Thema Riesling hellhörig wird. Erst recht, wenn weithin anerkannte Experten über den Roten Riesling reden. So geschehen jetzt beim „1. Symposium Roter Riesling“, das von der renommierten Hochschule Geisenheim in Kooperation mit dem Convivium Rheingau ausgerichtet wurde.

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Volles Haus: Der Hörsaal reichte gerade aus, allen Interessierten einen Sitzplatz zu bieten.

Rund 200 Wissenschaftler, Weinbauexperten, Winzer und Weinfreunde füllten den großen Hörsaal der Hochschule in Geisenheim, um in Vorträgen, Erfahrungsberichten und Podiumsdiskussionen mehr über den Roten Riesling zu erfahren. Denn dieser ist selbst im Riesling-Land Rheingau alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Dabei ist er ein „alter Bekannter“, wie Hochschul-Präsident Hans R. Schultz in seiner Begrüßung betonte. Der Rote Riesling gelte als die Urform des Rieslings und sei noch im Mittelalter eine weit verbreitete Sorte gewesen, die bis weit ins 19. Jahrhundert hinein im gemischten Satz angebaut worden sei.

Der Riesling als Paradebeispiel für Biodiversität

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Chef-Sache: Hochschul-Präsident Prof. Schulz hielt auch einen Vortrag

Erst später ist die Rebsorte durch den ertragreicheren Weißen Riesling, wie er heute bekannt ist, verdrängt worden. Die Variabilität existierender Sorten sowie die genetischen Veränderungen seien Themen, die die Wissenschaft fundamental bewegten, so Schultz. Am Beispiel des Rieslings erläuterte er, wie unterschiedlich die klimatischen Bedingungen sind, unter denen diese Sorte weltweit angebaut wird und verdeutlichte, wie regionale und globale Aspekte sowie die Erhaltung der Biodiversität zusammenpassen./p>

Seit 1991 wird der Rote Riesling vom Institut für Rebenzüchtung der Hochschule Geisenheim wieder züchterisch bearbeitet. Aus gutem Grund: Der Klimawandel beginnt auch dem Riesling zuzusetzen. Im wärmeren Klima läuft er Gefahr, die typischen Geschmacks-Charakteristika eines Rheingauer Rieslings mit seiner balancierten Säurestruktur und den spezifischen Aromen zu verlieren. Der Rote Riesling ist gegenüber diesen Temperaturentwicklungen resistenter. „Damit ist der Rote Riesling nicht nur ein gutes Beispiel für Biodiversität, er ist zudem eine Art Versicherung für die Winzer, sollten die Temperaturen weiter ansteigen“, sagte Ulrich Steger, Ökonom, Weinexperte und Slow-Food-Mitglied. Der Rote Riesling könne sich zudem zu einer interessanten Alternative für deutsche Winzer im Wettbewerb mit internationalen Konkurrenten entwickeln.

 „Gut-sauber-fair“ kommt auch im Weinbau an

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Gefragt: Slow Food-Weinexperte Prof. Ulrich Steger im Interview

Steger unterstrich, wie wichtig es sei, sich mit regionalen Spezialitäten im Weinmarkt mit seinen immer globaleren Angeboten zu profilieren. Besonders erfreulich sei es aus seiner Sicht, dass immer mehr Erzeuger sich zu den Slow-Food-Grundsätzen „gut-sauber-fair“ bekennen und diese auch auf das Thema Wein anwenden. Insofern, so Steger, sei dieses Symposium auch das erfreuliche Ergebnis eines intensiven Dialogs von Winzern, Wissenschaftlern und Weinfreunden.

Mit dem Leiter des Instituts für Rebenzüchtung an der Hochschule Geisenheim, Ernst Rühl, stellte sich ein Fachmann dem Publikum, der auf den besonderen Fall verwies, dass „wir es hier mit einem einmaligen historischen Erbe zu tun haben“. Durch die vegetative Vermehrung der Reben arbeiteten Wissenschaftler und Winzer heute mit Pflanzen, die es genau so auch schon vor 100, 500 und sogar 1000 Jahren gegeben habe. „So alte Pflanzen sollten also unbedingt in der Praxis erhalten bleiben“, betonte Rühl. Leider sei das nicht ganz billig, mit annähernd 1.000 Euro pro Jahr schlage die Erhaltung einer alten Sorte zu Buche, von der es neben dem Roten Riesling noch eine Vielzahl weitere gebe, so der Institutsleiter.

Begeisterte Erfahrungsberichte

Vor genau zehn Jahren war es Matthias Corvers, der den Roten Riesling als erster Winzer wieder im Rheingau angepflanzt hat: „Als Winzer in einer so exponierten Riesling-Region wie dem Rheingau ist man immer am Schauen, was sich verändern und vorantreiben lässt“, begründete er seine Neugier. Mit dem Ergebnis ist er mehr als zufrieden: Der Rote Riesling bringe mit einer etwas anderen Säurestruktur mehr Intensität in den Riesling. Und das wisse der Kunde durchaus zu schätzen. Auf noch längere Erfahrungen mit der Rebsorte verwies der Züchter Reinhard Antes von der Bergstraße, der bereits 1995 mit der Veredelung erster Testreben begann, damals noch illegal, wie er der Runde süffisant beichtete. Dass er angesichts seiner langjährigen Erfahrungen Heppenheim zur Welthauptstadt des Roten Rieslings erklärte, sorgte in Geisenheim erwartungsgemäß eher für Heiterkeit. Mit seiner These, dass der Rückgriff auf Trauben aus dem Mittelalter angesichts des Klimawandels sich durchaus als Fortschritt erweisen könne, stieß der engagierte Züchter und Veredler hingegen auf breite Zustimmung.

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Gute Gespräche: Die Podiumsdiskussion war lebhaft

Die Teilnehmer der anschließenden Podiumsdiskussion mit Fachleuten aus Theorie und Praxis waren sich einige, dass der Rote Riesling eine Bereicherung sei, mit einer Anbaufläche von knapp 30 Hektar aber noch lange nicht ausreichend im Markt verankert. Für eine stabile Nische benötige es weitere Winzer, die Anbauflächen bereitstellen. So war das Publikum ebenso überrascht wie erfreut, als der für die Weinbaupolitik des Landes Rheinland-Pfalz zuständige Beamte Uwe Hofmann berichtete, dass es in dem Bundesland Anfragen von annähernd 100 Weinbaubetrieben gebe, die Roten Riesling anpflanzen möchten. Er versicherte, dass die Politik alles tun werde, um hierfür die rechtlichen Grundlagen zu schaffen.

Der Rote Riesling auf den Spuren des Frühburgunders?

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Andrang: Niemand mochte die Verkostung verpassen

Marion Thomas-Nüssler, Leiterin des Conviviums Rheingau, erinnerte daran, wie lange und leidenschaftlich das Convivium sich bereits für den Roten Riesling eingesetzt habe und freute sich, dass es mit dieser Veranstaltung gelinge, endlich eine größere Aufmerksamkeit auf diese Rebsorte zu lenken. Im Gespräch mit dem Moderator der Runde, dem renommierten Weinjournalisten Rudolf Knoll, verlieh Thomas-Nüssler ihrer Hoffnung Ausdruck, dass der Rote Riesling eine ähnliche Erfolgsstory werde könne, wie der Frühburgunder, der es geschafft habe, eine stabile Nische zu besetzen und mittlerweile sogar Arche-Passagier sei. Der Präsident des Rheingauer Weinbauverbandes Hans-Peter Seyffardt, schätzt die Erfolgsaussichten des Roten Rieslings eher zurückhaltend ein, zeigte sich der neue Rebsorte gegenüber aber aufgeschlossen. Mit gutem Grund, wie die abschließende Verkostung zeigte. Ein gutes Dutzend Weingüter aus Rheingau und von der Hessischen Bergstraße hatten ihre Interpretationen des Roten Rieslings mit in die Hochschule gebracht. Das fachkundige Publikum zeigte sich durchweg beeindruckt – ein gutes Omen für die Zukunft.

Stichwort: Roter Riesling

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Werbung in eigner Sache: Das Convivium präsentierte sich

Die Sorte Roter Riesling überlebte unbeachtet in Sortimenten der Rebenzüchter und Weinbauversuchsanstalten. Ampelographisch bis auf die Beerenfarbe mit dem Weißen Riesling identisch, liegt ein gemeinsamer Ursprung nahe. Von sehr vielen alten Sorten wie Silvaner, Elbling, Gutedel und Muskateller sind blaue, rote und Farbvarianten bekannt. Man geht allgemein davon aus, dass die dunkle Beerenfarbe die ursprüngliche war und durch Mutation das Farbgen abgeschaltet wurde.

Das Fachgebiet Rebenzüchtung als bedeutender Erhaltungszüchter der Sorte Weißer Riesling wollte die genetische Breite der Sorte erweitern und begann ab 1991 mit der erhaltungszüchterischen Bearbeitung des Roten Rieslings. Für den Anbau steht Pflanzgut von fünf Klonen, die dem neuesten phytosanitären Standard für EU-Rebenvermehrungsgut entsprechen, zur Verfügung.

Der Ertrag des Roten Rieslings ist rund 15 Prozent niedriger als der des ertragreichen Weißen Rieslings Klon 110-06 Gm. Das Mostgewicht ist leicht höher. Die Mostsäurewerte sind gleich. Die Frage einer besseren Fäulnisfestigkeit durch die dunkle Beerenfarbe konnte noch nicht abschließend geklärt werden. Das Verhalten zu Stielerkrankungen ist gleich dem des Weißen Rieslings. Standortansprüche und Leistungseigenschaften des Roten und Weißen Rieslings sind nahezu identisch.

Erst ab ca. 40 Grad Oechsle verfärbt sich die Beerenschale der Sorte rot. Der Saft aber ist weiß und liefert ein vitales Fruchtsäurespiel, oft verbunden mit Anklängen von Stachelbeeren, grünen Äpfeln und manchmal auch Mirabellen. Bei der sensorischen Bewertung der Weine wurden die Weine fast immer als kräftiger und stoffiger beschrieben. Analytisch feststellbar ist immer ein um 2 bis 3 g/l höherer zuckerfreier Extrakt. Durch Maischeerhitzung und Kaltmazeration konnten auch rosafarbene und altgoldene Farbtöne erzielt werden.

Fotonachweis: © Sibylle Schwarz